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Ferien nur fürs Kind?
Von Bloggerin Nathalie Sassine-Hauptmann

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Letzte Woche erschien im Mamablog eine ironische Feriengeschichte. Eine Mutter erzählt darin, wie sie «krasse» Ferien geplant hatten, ganz ohne Kinderprogramm und doppeltem Boden. «Allen Unkenrufen zum Trotz. Ohne Umschweife sagte zwar niemand, unser Vorhaben sei egoistisch, dumm oder gefährlich. Man fragte stattdessen "So ein langer Flug mit einem Baby?", "Ui, wie macht ihr das mit dem Impfen?" und "Habt ihr an die Malariaprophylaxe gedacht?". Gerne hätte ich die Kommentare überhört oder wenigstens den Mund gehalten. Aber ich rechtfertigte unsere Reise. Von wegen, wir wären ja eigentlich lieber erst im November verreist, wenn das Baby kein Baby mehr ist, aber dann sei das mit seinem Job dazwischengekommen, dann das mit … Ich hatte ein schlechtes Gewissen gegenüber unserem Baby, all den viel verantwortungsvolleren Eltern, dem Universum!» Wir reden hier nicht von einer Mount Everest Expedition. Die Autorin reiste lediglich nach Thailand.
Total übertrieben oder? Schliesslich geht es hier nicht etwa um die böse böse Kinderbetreuung ausser Haus – auch gerne «abschieben» genannt. Da sind wir uns kollektives schlechtes Gewissen von Eltern gewohnt. Vielmehr geht es darum, dass eine Familie einen Tapetenwechsel sucht, um vom Alltag zu entfliehen sich auch davon zu erholen. Egoistisch? Finde ich nicht.
Als Inhaberin eines Reisebüros weiss ich aber auch, dass es vielen Eltern so geht. Sie organisieren ihre Ferien rund um das Kind/die Kinder. Sie erhoffen sich mehr Erholung, wenn die Kinder mit Kinderclub, Minidisco und Sportprogramm beschäftigt sind. Was sicher ein Stück weit stimmen mag, schliesslich sind gelangweilte Kinder ein Graus, das wissen wir alle. Deshalb ist es toll, dass es solche Anlagen gibt.
Doch jene Eltern, denen eben das Kinderprogramm in den Ferien ein Graus ist – wie beispielsweise mir – werden schnell schief angesehen, wenn sie sich trauen, mehr zu wollen. Mehr Unabhängigkeit – kein All Inclusive, sondern lokale Restaurants. Mehr Spass – kein aseptisiertes Hotelzimmer, sondern eine Kabine in einem Segelboot in der Karibik. Mehr Abenteuer - nicht vom Flug über Transfer bis zur Unterkunft alles organisiert, aber aufs Geratewohl ankommen und schauen wie’s läuft. Geht gar nicht!
So sahen das auch die zahlreichen Kommentatoren des oben genannten Blogposts. Wie oft in den Kommentaren das Wort «egoistisch» zu lesen ist, mag ich gar nicht mehr zählen. «Hauptsache, die Eltern haben ihren Spass», so der kritische Tenor. Wieso denn nicht? Dürfen Eltern nicht einmal mehr in den Ferien tun, was ihnen gefällt? Reicht es denn nicht, dass wir unser ganzes Leben nach den Kindern richten (oder wann haben Sie zum letzten Mal so richtig scharf gekocht)? Müssen auch die Ferien kindergerecht sein? Und damit meine ich NUR kindergerecht?
Auf keinen Fall! Ich versuche bei unseren Kunden immer rauszuhören, ob sie Ferien planen, damit die Kids ihren Spass haben oder ob sie auch auf sich selber hören. Es ist erstaunlich, wie viele auf die Frage «und was möchten Sie tun/sehen/erleben?» erstmal gar keine Antwort wissen. Und plötzlich ruckt Mama (95% unserer Kunden sind Frauen, welche die Familienferien buchen) mit der Sprache raus: Eigentlich würde sie gerne wiedermal wandern gehen, Yoga machen, die lokale Küche entdecken oder das Land besichtigen. Dann ist eben der kindsgerechte Club, mit dem All Inclusive Buffet und den Strandliegen nicht das Richtige für sie.
Elterliche Bedürfnisse sind wichtig, gerade in den Ferien. Da muss man eben Kompromisse innerhalb der Familie finden. Es wird immer schwierig sein, alle Wünsche unter einen Hut zu kriegen. Aber das macht Familien nun mal aus. Auch im Urlaub. Und die Kinder sollen doch auch reisen, um ihren Horizont zu erweitern und nicht nur um Pommes Frites à la greque zu probieren. Nennt mich egoistisch, aber ich freue mich, wenn ich Eltern so zu mehr Ferien verhelfe.
Nathalie Sassine-Hauptmann (1973) gehört zu den Müttern, die ihr schlechtes Gewissen wie ein Baby mit sich rumtragen. Dennoch würde sie ihren Beruf nie aufgeben. Mit ihrem Buch «Rabenmutter - die ganze Wahrheit über das Mutterwerden und Muttersein» spricht sie vielen berufstätigen Müttern aus der Seele. Denn als Unternehmerin weiss sie, dass ihre Kinder sie zwar glücklich machen, aber erst ihr Job ihr den Ausgleich garantiert, den sie braucht. Sie führt sowohl ihr Familienleben als auch ihre Firma mit viel Leidenschaft und macht sich in diesem Blog Gedanken zur Vereinbarkeit von beidem. Und sie hat keine Angst davor, sich eine Feministin zu schimpfen. Alle Blog-Beiträge von Nathalie Sassine-Hauptmann finden Sie hier.