
Désirée Good
Familie Kabbani, Syrien
Deutsch im Wohnzimmer
Zwei Jahre ist es her. Da hat Nezar Kabbani, 47, seine Familie in die Schweiz geholt. Zehn Kinder, sieben Erwachsene. Die Familie lebte in Damaskus.
Familie Kabbani gab uns im Rahmen des Artikels Hallo, Schweiz! Auskunft über Ihren Neuanfang in der Schweiz.
«Bomben fallen täglich, um die Häuser wird geschossen. Die Kinder können nicht mehr in die Schule, die Menschen nicht mehr auf die Strassen», erzählt seine Schwester Abeer Kabbani, 42. Während sich Regierungen, Rebellen und Terroristen Kämpfe liefern, stirbt die Zivilbevölkerung. Jeden Tag werden Kinder entführt, Knaben als Kindersoldaten eingesetzt, was mit den Mädchen passiert, weiss keiner.
Die Familie ist per Besuchervisa in die Schweiz eingereist und wurde danach ins Asylverfahren aufgenommen. Für die Reise und die ersten Monate Aufenthalt hat Nezar Kabbani viel Geld bezahlt, sein ganzes Erspartes hingeblättert. Und damit der ganzen Familie wahrscheinlich das Leben gerettet. Nezar Kabbani lebt seit einigen Jahren in der Schweiz. Der gelernte Koch arbeitet im Paraplegikerzentrum Nottwil (LU) und als interkultureller Dolmetscher in der Fach- und Bildungsstelle für Migration und Integration Interunido in Langenthal. Die syrische Grossfamilie lebt in Wynau (BE). Zu sechst wohnen Nezar und Abeer Kabbani und die vier Kinder Mohammad, 18, Sara, 15, Maissan, 11, und Abdullah, 8, in seiner Fünfzimmerwohnung.
Als erstes wird Kaffee serviert, und Halawat el Jibn, Süssgebäck mit Käse. Die Kinder sind in der Schule. «Mein Sohn hat einen Lehrvertrag erhalten, das ist eine grosse Freude», sagt Abeer Kabbani. Mohammad wird diesen Sommer eine Lehre als Säger beginnen. «Eigentlich wollte er Arzt studieren, geplant war ein Studium in Deutschland», erzählt seine Mutter. Doch der Krieg hat die Zukunft der syrischen Familie neu skizziert.
Vor dem Krieg war das Leben in Damaskus gut. «Wir hatten ein grosses Haus, in dem die ganze Familie wohnte», erzählt Abeer Kabbani. «Und wir haben denselben Standard wie die Menschen hier, dieselben Möbel, Bäder, Küchen- und Wohnzimmereinrichtungen» Es ärgert sie, wenn Leute denken, dass Syrer in Holzhütten leben und am Boden sitzen. Sie sind nicht wegen Armut geflüchtet. Sie sind um ihr Leben gerannt.
Abeer Kabbani hat in Syrien ein Studium in Englischer Literatur gemacht und als Englischlehrerin gearbeitet. «Wir syrischen Frauen werden verwöhnt. Wir können alles Geld, das wir verdienen, für uns behalten», sagt sie und lächelt. Der Mann sorge für den Lebensunterhalt. Frauen würden gleichberechtigt behandelt. Männer übernehmen auch immer mehr die Kinderbetreuung.
Unabhängig leben
Die Schweiz hat sie aus den Medien bereits gekannt. «Doch ich war sehr überrascht, wie nett und hilfsbereit die Menschen hier sind.» Das Ziel der Syrer ist es, zu arbeiten. «Gleich nach unserer Ankunft habe ich autodidaktisch Deutsch gelernt. Danach habe ich in unserer Wohnung ein Schulzimmer eingerichtet und der ganzen Familie Deutsch beigebracht», sagt sie und lacht. «Das hat gut geklappt.» Abeer Kabbani hat mittlerweile das Deutschzertifikat B2 erreicht. Ihr Ziel ist es, eine Stelle als Englischlehrerin zu finden. Sie will so bald wie möglich finanziell unabhängig leben.
Schlechte Erfahrungen hat die Familie hier selten gemacht. Abeer Kabbani erzählt lieber von den guten. Zum Beispiel, dass ihre Kinder ganz am Anfang oft auf dem Pausenplatz gespielt hätten und dann nach Hause kamen, mit einem Brief der Schulleiterin. Darin stand, dass sie gerne mit der Familie in Kontakt treten würde, dass die Kinder in der Schule herzlich willkommen seien. Oder die Nachbarn, die schon nach kurzer Zeit fragten, ob Abeer Kabbani während ihrer Abwesenheit die Blumen giessen und die Katze füttern könnte. «Ich war so überrascht, dass sie mir vertrauten.»
Die Kinder haben Freunde gefunden, spielen Musikinstrumente, sind Mitglied des FC Wynau und schreiben gute Noten. «Wir alle haben sehr grosses Heimweh», sagt Abeer Kabbani. «Unser Herz ist in Damaskus geblieben.» Wäre der Krieg vorbei, die Lage stabil, Abeer Kabbani würde sofort wieder zurückgehen. Ob das die Kinder auch tun möchten, das weiss sie nicht. «Sie bauen sich jetzt ihr Leben auf, das hier ist ihre Zukunft. Was sein wird? Wir werden sehen», sagt die Mutter.